Die Mitglieder wahren die Roigel-Tradition in Anpassung an die Zeit heißt es in der Präambel unserer Satzung. Andere Zeiten erfordern andere Lösungen, und in der heutigen Zeit, wo dem Student der Wind auf den Universitäten spürbar rauher entgegenweht, ist die Verbindung immer mehr als Rückzugsbereichs in all dem Leistungsdruck und Konkurrenzkampf gefragt. Dementsprechend soll auch die Aktivtität bei uns den Studenten nicht noch zusätzlich durch die Auferlegung einer Vielzahl von Pflichten belasten, Verbindung soll Spaß machen, soll etwas sein, auf das man sich inmitten des Studienalltags freuen kann.So blieb es auch nicht aus, daß über die Jahre und Jahrzehnte hinweg mancher unzeitgemäße Brauch aufgegeben und manch alter Zopf abgeschnitten wurde.
Anpassung an die Zeit soll aber nicht heißen, Aufgabe alter, gewachsener Symbole und Traditionen. Das Wesentliche, das, was unsere Verbindung ausmacht, haben wir immer bewahrt und hochgehalten, und nicht etwa dem Zeitgeist geopfert.Unsere Verbindung ist ein Lebensbund, auch nach dem Studium bleibt man sein ganzes Leben lang Bundesbruder, bleibt in Kontakt und freut sich auf ein Wiedersehen mit Tübingen und mit alten Freunden beim jährlichen Stiftungsfest. Die gemeinsame Tradition bildet gewissermaßen die Klammer zwischen den Generationen in unserem sehr lebendigen Lebensbund, sie ist also für den Bestand der Verbindung elemetar.
Da wären zunächst einmal als gemeinsames äußerliches Symbol unsere Farben schwarz-gold-rot, sichtbares Zeichen unserer Herkunft aus der frühen demokratischen Bewegung in der Studentenschaft. Diese Farben wehen während des Semesters als Fahne vom Turm unseres Hauses, diese Farben trägt jeder Bundesbruder im Band, das ihm beim jährlichen Stiftungsfest als Zeichen der Zugehörigkeit zu unserem Lebensbund feierlich verliehen wird.
Ein weiters wesentliches Element ist das arminischen Prinzip, die weltanschauliche Neutralität unserer Verbindung, die wir nicht erst praktizieren, seit dem allgemein die Liberalität groß in Mode ist; dafür mögen auch einige unserer Bundesbrüder, die unten aufgeführt sind, stehen.
Unsere Spezialität, durch die wir uns nun entscheidend von den anderen Verbindungen abheben, ist das Dichten. Sogenannte Gazetten", längere oder kürzere Gedichte meist satirischen Inhalts haben schon unsere Gründer verfaßt, die sie in kleinen Zeitungen sammelten und auf den Stuben des evangelischen Stifts kursieren ließen. Auch heute noch werden zu den verschiedensten Anlässen solche Gazetten vorgetragen. Sogar ein besonderes Amt gibt es dafür, das des Gazettier du roi, des Dichtmeisters der Verbindung, der für die Dauer eines Jahres amtiert und diesen Ehrentitel ein Leben lang führen darf. Er wird aus den Reihen unserer besten Dichtern gewählt.Er kann nicht nur besonders gut dichten, er sammelt auch alles Gedichtete, was dann von Zeit zu Zeit gedruckt erscheint. Einige Meter an Regalen sind so im Archiv an Gazettenbänden seit unserer Gründung zusammengekommen, nahezu vollständig erhalten seit 1839. Ein einmaliges Zeugnis studentischen Geisteslebens während 160 Jahren; Material, das auch immer wieder von Historikern zu Forschungszwecken, etwa über die Revolution von 1848, herangezogen und gesichtet wird.
Die Gazetten stehen bei uns auch im Mittelpunkt der Kneipe. Die Kneipe - auch in ihrer feierlicheren Form als Kommers - bildet das Herzstück einer jeden Verbindung. Sie ist die gesellige Zusammenkunft in alter traditioneller Form, hier wird gezecht, hier werden Studentenlieder gesungen, unterhaltsame Gazetten vorgetragen und ein wenig im romantischen Gefühl der alten Burschenherrlichkeit längst vergangener Zeiten geschwelgt.
Doch bilden Anlässe wie Kneipen oder auch das Stiftungsfest die Höhepunkte im Bundesleben. Dagegen wird die Gemeinschaft der studierenden Bundesbrüder viel mehr durch das alltägliche Miteinander bestimmt. Zentraler Anlaufpunkt ist unser Haus, wobei das Angebot eines täglichen gemeinsamen Mittagessens während des Semesters von den meisten gerne genutzt wird.
Im Regelfall einmal in der Woche findet eine offizielle Veranstaltung - im Semesterprogramm ausgewiesen - statt. Hierbei treffen sich alle Mitglieder. Niemand soll aber durch seine Aktivität im Studium behindert werden.
Die Aufnahme in die Verbindung erfolgt zunächst auf Probe. Willkommen ist grundsätzlich jeder; jeder, der etwas mit unserer Gemeinschaft und unseren Traditionen anfangen, jeder der hinter unseren Prinzipien Wissenschaftlichkeit, Geselligkeit und Sittlichkeit, d.h. nach heutigem Sprachgebrauch Achtung vor dem Anderen und vor der Gemeinschaft, stehen kann. Eine eigentliche Fuxenzeit kennt der Roigel jedoch nicht, die neuen Bunderbrüder tragen kein extra Band als äußeres Erkennungszeichen und müssen auch nicht Bier zapfen oder ähnliches. Bis auf ein eingeschränktes Stimmrecht auf dem Convent sind sie völlig gleichberechtigt.
Der Roigel ist eine nichtschlagende Verbindung, auch existieren keine Trinkzwänge oder dergleichen. Eine gewisse Ordnung ist für das Funktionieren einer Gemeinschaft unverzichtbar, gerade, wenn sie wie wir ein eigenes Haus unterhält, größere Veranstaltungen und Feste durchführt und dafür auch ein gewisses Budget verwalten muß. Das Präsidium, der geschäftsführende dreiköpfige Vorstand aus Sprecher, Schriftwart und Kassier wechselt in jedem Semester, über alle Angelegenheiten entscheidet aber der Convent, die Vollversammlung aller Mitglieder, in basisdemokratischer Abstimmung.
Mitglieder: Das Dichten wurde seit jeher groß geschrieben, eine ganze Reihe bekannter und weniger bekannter Literaten gehörte bzw. gehört zu unseren Bundesbrüdern: So z.B. der Stuttgarter 48er-Revolutionär und Dichter Johann Georg Fischer oder der Schriftsteller Ludwig Laistner, der u.a. die in der Vertonung von Carl Orff weltberühmt gewordene Carmina burana gefunden, bearbeitet und veröffentlicht hat; im 19.Jahrhundert lebten auch die heute weniger bekannten Dichter August Wintterlin, Julius Klaiber oder Paul Pressel, der Komponist des Weserlieds.
In unseren Vorgängervereinigungen, den Kreisen, aus denen der Roigel 1838 heraus entstanden ist, verkehrten außerdem Männer wie Eduard Mörike, Karl Gerok oder Georg Herwegh, die teilweise später noch einen engen Kontakt zum Roigel unterhielten.
Für die jüngere Zeit seien Namen, wie der mittlerweile verstorbene schwäbische Dichter Josef Eberle alias Sebastian Blau, oder der Historiker und Autor Gerhard Raff erwähnt. Ein bedeutender Kämpfer für Demokratie und Liberalismus war Friedrich v. Payer, der als erster Demokrat einer deutschen Regierung angehörte: er wurde nach Jahren als Vorsitzender der Reichstagsfraktion der Fortschrittlichen Volkspartei schließlich 1917/18 zum Vizekanzler berufen, als welcher er den Frieden von Versailles und den Übergang von der Monarchie zur Republik wesentlich mitgestaltete. Er hat 1920 die liberale Deutsche Demokratische Partei mitbegründet.
Auch eine ganze Reihe von Männern aus unserer Verbindung hat während des Dritten Reiches im Rahmen der Bekennenden Kirche aber auch anderweitig gegen das NS-Regime, unter dem alle Verbindungen überdies verboten waren, aktiv Stellung bezogen. Auch der geistige Vater der Bekennden Kirche, der Schweizer Theologe Karl Barth trug in seiner Tübinger Studienzeit das schwarz-gold-rote Roigelband.
Das Haus:
Eine Besonderheit stellt auch unser Haus dar: 1903/04 auf den Grundmauern und im Stil der alten Schloßküferei erbaut, steht es heute innen wie außen unter Denkmalschutz. Sein Herzstück ist der holzgetäfelte Kneipsaal, der nahezu das ganze Obergeschoß ausfüllt. Im Garten hinter dem Haus steht - entlang der Schloßmauer gebaut - die laut Landesdenkmelamt Baden-Württemberg älteste Freiluftkegelbahn im ganzen süddeutschen Raum, wenn sie nicht sogar die älteste erhaltene überhaupt ist. Bereits auf einem Stich von Tübingen aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges ist sie zu sehen. Die heutige bauliche Anlage stammt überwiegend aus dem 18. Jahrhundert, so auch das über der Kegelbahn befindliche Gartenhäuschen, in dem Eduard Mörike der Legende nach einige Zeit verbrachte. Die Kegelbahn der alten Schloßküferei hat Mörike in seiner Ballade Des Schloßküpers Geister zu Tübingen verewigt:
"Ins alten Schloßwirts Garten
Da klingt schon viele Jahr'kein Glas;
Kein Kegel fällt, keine Karten,
wächst aber schön lang Gras..."