Das Gazettenwesen der Tübingen Königsgesellschaft Roigel
von Wolfram Hader (Frankfurt a.M.)
Um die Zeit der Wende zum 20. Jahrhundert schrieb der Stuttgarter Kunsthistoriker Eduard Paulus in Bezug auf Württembergs Dichter und Denker folgende Verse, die seither durch zahlreiche schwäbische Festreden und Grußworte wandern:
Der Schelling und der Hegel,
der Schiller und der Hauff,
das ist bei uns die Regel,
das fällt nicht weiter auf.
Die Tübinger Königsgesellschaft Roigel hat zwar dem Parnaß schwäbischer Dichter keine Geistesgrößen im Range der Vorgenannten zuführen können; doch das hier gepflegte Dichten als konstitutives Element des Verbindungslebens hat eine beachtliche Geschichte und stellt bis heute ein lebendiges Beispiel studentischer Traditionspflege dar.
Die Gazette du Roi wurde 1839 als Zeitung gegründet; die erste Nummer erschien am 20. Juli 1839 unter dem Titel „Intelligenzblatt für den Gasthof zum König von Württemberg und die Weinschank von C. Commerell sen.“ Schon die zweite Nummer trug den Titel G.d.R. als Abkürzung für Gazette du Roi. Die Gazette du Roi war in ihren Anfängen eine Zeitung, die in den Stiftsstuben und bei Freunden aus der Burschenschaft die Runde machte. Sie diente nicht bloß dem Kneiphumor, sondern allgemein dem Gedankenaustausch unter den Bundesbrüdern und behandelte auch ernsthaft grundsätzliche Fragen der Gesellschaft und der Studentenschaft. Die Gazette kam zunächst zweimal monatlich heraus, später wöchentlich. Zeichnerische Beiträge und Gedichte waren anfangs noch selten, was sich schon bald änderte.
Eine Zeichnung mit dem Titel „Vorbereitung aufs Stiftexamen“ aus der Gazette du Roi No. 26 zeigt die Gespaltenheit der Stiftler im Revolutionsjahr 1848. Ein doppelgesichtiger Stifler sitzt an seinem Stiftspult. Mit dem dem Pult zugewandten Gesicht bereitet er sich aufs Examen vor, das andere Gesicht wendet er einem Bundesbruder zu, der den „Beobachter“ in Händen hält, die im Stift viel gelesene demokratische Zeitung. Er läßt sich von den politischen Ereignissen gerne von den Examensvorbereitungen ablenken.
Die Gazette du Roi hat sich schon bald zu einer Kneipzeitung entwickelt mit dem ausschließlichen Zweck, die Kneipen des Königs zu beleben und zu unterhalten. Die Form der Gazette ist vielfältig. Gazetten, die unter dem Titel einer Zeitung verschiedene Stoffe behandeln, gab es auch später noch. In besonderer Blüte stand über viele Jahrzehnte hinweg auch die Zeichengazette. Diese wurden von einem Fuxen an den Kandidatentisch gebracht und machten von dort aus die Runde durch die Corona.
Weitaus die meisten Gazetten wurden aber in Gedichtform dargeboten – und in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg begegnen fast keine anderen Gazetten mehr. Über das Wesen der Gazette schrieb der erste Herausgeber der Roigelblätter Ernst Haußmann 1929: „Die Gazette liebt einen natürlichen, kräftigen, heiteren Ton, Witz, Humor, Ironie, Satire. Ernste ideale Gazetten kommen vor, sind aber nicht allzuhäufig. […] Hohles Pathos, gemachtes phrasenhaftes Getue, Sentimentalität und Weichlichkeit ist der Roigelgazette wie Spitzgras, und wenn je dann und wann von Unerfahrenen der Versuch gemacht wird, derartiges zu bieten, antwortet die Korona mit derbem Zuruf. […] Auf die Roigelgazette aller Zeiten trifft zu, was ein Gazettier am 25. Jubiläum Frau Gazette sagen läßt:
Ich komme auf jedem Kneiptag nieder,
gebäre bald Bilder, gebäre bald Lieder;
ich habe deutsch, hebräische, lateinische,
habe anständige, habe schweinische.
S’kommt halt nur auf den Ehgemahl an,
der was er will aus mir machen kann,
nur Eines haßt ich jederzeit,
das ist die Philisterhaftigkeit.
Ich geb’ mich nur denen zum Weibe hin,
die des Lebens sich freuen mit Jugendsinn!
So hab ichs gehalten 25 Jahr’,
so will ich es halten immerdar.“
Bis in die 1930er-Jahre wurde der Vortragende lediglich „mit dem Beifall der Gesellschaft und einem Hörnle belobt“. Nach der Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich eine Bewertungsskala etabliert, die von „wohlgesetzten Worten“ als schlechtester Zensur über „saugewandt“, „sehr saugewandt“ bis zur Spitzennote „überaus sehr saugewandt“ reicht. Leistungen, die diesen Namen schon nicht mehr verdienen (und beim Roigel sehr selten sind), können von der Corona mit „MS“-Rufen bedacht werden, dies bedeutet „Musterscheiße“ und erklärt sich von selbst.
Die Gazetten werden von einem speziellen Stuhl, dem Gazettenstuhl, aus vorgetragen. Grundsätzlich gilt für Gazetten, daß der Vortragende sie selbst geschrieben haben muß (keine Plagiate) und daß eine Gazette nur einmal vorgetragen werden darf.
Den besonderen Stellenwert, den die Gazette im Bundesleben des Roigel innehat, zeigt auch das Amt des Gazettiers du Roi. Über den Gazettier schreibt Ernst Haußmann: „Den Gazettier umgibt ein besonderer Nimbus, […] man erwartet etwas Besonderes von ihm. Er hat für die geistige Nahrung des Kneiptags zu sorgen, […] er […] hat Geist und Witz einfach zu haben.“
Der Gazettier hat die Aufgabe, alle Gazetten zu sammeln. Die Roigelgazetten sind von ihren Anfängen an gesammelt; so stehen im Roigelarchiv in 89 teils sehr umfangreichen Bänden die Gazetten von 1839 bis heute. Zu Jubiläen des Roigel sind 1888, 1928, 1968 und 1998 Sammelbände mit Gazetten im Druck erschienen.
Nach diesen theoretischen Ausführungen über die Roigelgazette soll nun an einigen Beispielen Vielfalt und Ausprägung der Gazette gezeigt werden.
Grundsätzlich taugt fast jedes Thema für eine Roigelgazette. Gazettenthemen können ganz allgemeiner Art sein, wie das allzeit beliebte Thema „Liebesfreud – Liebesleid“. Als Beispiel dafür eine anonym überlieferte Roigelgazette aus den 1840er-Jahren:
Ein geschwollener Liebesseufzer
Engelhaftes, herzbrechendes Fräulein!
Stoßen Sie nicht mit kalter Verachtung zurück
den tränengesäuerten Gruß Ihres mageren,
aber seufzergeschwollenen, mißkannten,
kuhwarmen Anbeters:
Des hoffnungsschmachtenden,
Trost verlangenenden,
Alles verachtenden,
an Euch nur hangenden,
zu Euch nur trachtenden,
um Euch nur bangenden,
des Gramumzogenen,
Tränenvergießenden,
Kummergebogenen,
Wehmutzerfließenden,
ewig betrogenen,
bald sich erschießenden
Gustav N.
Ein Anknüpfungspunkt für Gazetten von Alten Herren (beim Roigel liebevoll: die „Lieben Alten“ genannt) sind auch eigene Erfahrungen und Erlebnisse im Berufsleben wie etwa in der Gazette „Rückblick“ von Hans Gradmann aus den 1960er-Jahren:
Hans Gradmann: Rückblick
Der Hahn, der kräht, der Frosch, der quakt,
der Mensch ißt früh Spinat.
Er wird geschunden und gezwackt
und manchmal Studienrat.
Auch ich war das einmal.
Ich weiß es noch wie heute,
wie ich die Perlen ohne Zahl
unter die Säue streute.
Ich hatte es reichlich erwogen,
wie ich’s ihnen beibringen könnte,
doch als ich mich wandte, da flogen
mancherlei Gegenstände.
Ich mühte und mühte mich ferner
bei diesem Vereine.
Ich säete Samenkörner
und erntete Zwetschgensteine.
Das feudale Gebahren von Corpsstudenten stellte sozusagen einen natürlichen Kontrapunkt zur Volksnähe des Roigel und seiner Verwurzelung in der Tübinger Bevölkerung dar. So nimmt es nicht wunder, daß das corpsstudentische Lebensgefühl Zielscheibe von Roigelgazetten wurde. Die Roigelgazette „Ich hab eine Log im Theater“ – als „Protzenlied“ von Heinrich Seybold gedichtet und 1905 veröffentlicht – fand sogar Eingang ins Tübinger Kommersbuch:
Heinrich Seybold: Protzenlied
Ich hab eine Log’ im Theater,
ich auch ein Opernglas,
ich hab Equipagen und Pferde –
meine Mittel erlauben mir das.
Ich rauche die feinste Havanna
zur Verdauung nach dem Fraß,
ich liebe das ganze Ballettcorps –
meine Mittel erlauben mir das.
Über Lumpen wie Kepler und Schiller
rümpf’ ich nur verächtlich die Nas’,
ich bin ein vollendetes Rindvieh –
meine Mittel erlauben mir das.
Die Tanzfeste des Roigel waren ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis im Verbindungsleben. Es gab einen Tanzwart, im deftig-derben Roigeljargon „Tanzdackel“ genannt, zu dessen Aufgaben neben der Erteilung von Tanzunterricht auch die Zuteilung der weiblichen Gäste, insbesondere der Altentöchter, an die aktiven Bundesbrüder gehörte. Dieser Brauch hat sich bis zur 68er-Zeit gehalten und manch Ehe gestiftet… Auch hierzu eine Roigelgazette, von Klaus Büttner 1953 auf die Melodie von „O alte Burschenherrlichkeit“ gedichtet:
Klaus Büttner: Zum Tanzfest gesungen
Wenn man so auf dem Bahnhof steht,
die Damen zu empfangen,
tut man ein leises Stoßgebet,
und sagt sich voller Bangen:
Jetzt geht der Ernst des Lebens los.
Wie sieht se aus? Wie heißt se bloß?
Ach Heide, Heide, Heide,
das gibt 'ne Riesenpleite.
Doch siehe da, sie ist charmant,
erstrahlt im Schönheitsglanze,
sie unterhält sich sehr gewandt
und ist auch gut beim Tanze.
Eh' man kapiert hat, was das gibt,
da ist man schon total verliebt:
Ach Erna, Erna, Erna,
ich hab dich immer gerner.
Doch wenn man sich erklären will,
da wird die Sache schwierig.
In dieser Lage nützt nicht viel
die ganze Liebeslyrik.
Man kommt da in Verlegenheit,
es fehlt an der Verwegenheit:
Ach Rosa, Rosa, Rosa,
wie sag ich’s bloß in Prosa?
Allein das rechte Burschenherz
begnügt sich nicht beim Tanze.
Es fühlt den starken Liebesschmerz
und geht am Schluß auf’s Ganze:
Ich halt’s hier drinnen nicht mehr aus,
komm, geh mit mir hinaus vor’s Haus,
ach Lieschen, Lieschen, Lieschen,
so gib mir doch ein Küßchen!
Wenn man am Schluß dann Rückschau hält,
dann merkt man ganz entgeistet,
was man mal wieder angestellt
und was man alles leistet.
Die Liebe blühet immer neu,
ich bleibe allen, allen treu:
Ach Kinder, Kinder, Kinder,
was sind wir doch für Sünder!
Das Roigelleben selbst ist ein unerschöpfliches Themenreservoir für Gazetten. Diese Gazetten sind naturgemäß oft auf aktuelle Ereignisse bezogen – und veralten damit auch schon bald. Einen zeitlos gültigen Einblick in das Roigelleben hat Dieter Wunderlich 1999 mit seinen „Pastoralen Ermahnungen an einen Beitrittswilligen“ geliefert, die der sudetendeutsche Pfarrer „in bavarian style“ abgefaßt hat. (Zum Verständnis sei noch angefügt, daß der Trinkruf des Roigels „Hoi sauf’s!“ lautet.)
Dieter Wunderlich: Pastorale Ermahnung an einen Beitrittswilligen
in bavarian style
Wennst zum Roigel neikommst, sogt er,
dann mach glei, sogt er,
scho am Eingang, sogt er,
a Mordsgschrei, sogt er,
denn beim Roigel, sogt er,
ham ses gern, sogt er,
wenn die Nachbarn, sogt er,
sich beschwern.
Bei die Roigel, sogt er,
nebenbei, sogt er,
muß so manch ein Rindviech sei, sogt er,
denn all Augenblick vernimmst du es aufs neu, sogt er,
alle bstelln se wieder, sogt er,
frisches Heu.
Wennst zum Roigel neikommst, sogt er,
dann kriagts auch, sogt er,
a schöns Banderl, sogt er,
um dein Bauch, sogt er,
Männerbrust ziert dieses ideal, sogt er,
doch als BH, sogt er,
is z schmal.
Im Himmel Manna, sogt er,
is net gwiß, sogt er,
vielleicht kriagst a, sogt er,
kalte Füß, sogt er,
doch beim Roigel kriagst a Bier, sogt er,
drum is besser, sogt er,
du säufst hier.
Und Bier is gsund, sogt er,
erhält den Mann stabil und rund, sogt er,
und solltest trotzdem du an Gwicht verliern, sogt er,
liegts in deim Fall, sogt er,
gwiß am Hirn.
Rot wie Saublut, sogt er,
und Spinatgrün, sogt er,
alles is beim Roigel drin, sogt er;
braun vielleicht a bißerl au, sogt er,
koaner weiß des so genau, sogt er,
doch sitzen blau sie dann in einem Saal, sogt er,
heißt man dieses, sogt er,
liberal.
Alle Roigel san Poeten, sogt er,
lauter Schiller, lauter Goethen, sogt er,
hier ist fürwahr der Gipfel des Parnaß, sogt er,
zwar net so hoch, sogt er,
dafür mehr naß.
Möglichst druckreif für die Feten, sogt er,
sind erwünscht stets die Gazetten, sogt er,
darum reimen sie auch alle wie verruckt, sogt er,
und ’s kommt au raus, was rauskommt, sogt er,
wenn ma druckt.
Muaß a Roigel sterbn, sogt er,
soll er dem Roigel, sogt er,
woas vererbn, sogt er,
denn kannst drunten du die Gurgel nimmer schmiern,
sogt er,
müssens die Dachrinn, sogt er,
drobn noch allweil, sogt er,
repariern.
Willst dann in den Himmel du hinein, sogt er,
stimm ins große Lujah ein, sogt er,
doch brüllst „Sauf’s!“ du aus Versehn, sogt er,
mußt zum Teifl, sogt er,
abigehn.
Manche glaubn, daß nach dem Gfrett, sogt er,
unsre Seele wandern tät, sogt er,
vielleicht hätt i dies dann auch ganz gern, sogt er,
nur möcht a Roigel, sogt er,
i wieder wearn.
Ein weites Feld für die Roigelgazette bietet auch die Politik. Kommentare zu den aktuellen politischen Ereignissen gehören seit eh und je zur Roigelgazette und liefern seit nunmehr gut 160 Jahren ein Spiegelbild der Ereignisse aus der Sicht des Roigel. Ein aktuelles Beispiel dafür ist Florian Baums Porträt von Edmund Stoiber, das er nach der Bundestagswahl „in bavarian style“ verfaßt hat – inspiriert von Dieter Wunderlichs oben angeführter Gazette.
Florian Baum: „In Bavarian Style - sogt er“
Dia letztn via Johr woan blöd,
aber jetzad werds no vui blöder,
weil ihr habts wiedergwählt
den Gerhard Schröder.
Ohne den Kanzler Edmund Stoiber
fällt Deutschland unter die Räuber –
Stoiber Dux Germaniae:
Mei Liaba! Des werad schee.
Er is sorgsam frisiert,
er is fromm und gepflegt,
er hot nia randaliert
oder Unmut erregt.
Er is as blüande Leam,
und stolz is sein Blick,
neamat streitet mead eam,
und alle finden eam schick.
Er is ehrlich und freundlich
und weise und guat,
und zudem verfügt er
über Weitsicht und Muat.
Muskulös ist sein Körper,
sein Erfolg sprengt jeden Rahmen,
er is Ministerpräsident
und Edmund Stoiber sein Namen.
Als Spitzen-Politstar
is Stoiber längst legendär,
er is so schön als wie Schimanski
und so stark als wie ein Bär.
Er sogt imma dia Wahrheit
und er arbeit’ furchtbar vui,
er hat Glück in der Liebe
und er hat Glück im Spui.
Die humanistische Bildung
hot eam zutiefst geprägt,
darum redt er verständlich
und äußerst gepflegt.
Er spricht fließend altgriechisch
und genauso Latein,
harte Drogen zu nehmen,
das fiel eam niemals ein.
Seine Haare sind samten
und sein Atem riecht guat,
er is nett zu Verwandten
und er neigt nicht zur Wuat.
Er braucht keinen Psychiater,
weil er is pumperlgsund,
er is ein liebender Vater,
verprügelt nicht mal den Hund.
Er bekommt keine Glatze
und er liebt seine Nation,
er is streng religiös,
vergreift sich nie im Ton.
Er liest täglich die Zeitung,
von Sport bis Kultur,
er gilt als Meister des Schachs
und als Feind der Zensur.
Er wechselt täglich die Kleidung
und riecht niemals nach Schweiß,
doch das ist noch nicht alles,
was man vom Edmund weiß.
Er is nirgends gepierct
und auch nicht tätowiert,
und er gfreit sich für den andern,
wenn er selbst mal verliert.
Er is treu bis in den Tod
und er lebt streng monogam,
hält das fünfte Gebot
und bedeckt seine Scham.
Er is gscheit und musikalisch,
und auch im Sport is er stark,
er gilt nicht als martialisch
und biaslt nia in den Park.
Er is liebenswert, zärtlich,
bescheiden und cool,
neamat hält eam für sadistisch
oder für bled oder schwul.
Er steht treu zum Gesetz,
man sah ihn selten nur im Suff,
er lebt als strenger Asket
und geht nie in den Puff.
Und selbst wenn er nocha´d
amoal sterm muaß –
Leit, denkts euch nix derbei:
Er bekommt ein Staatsbegräbnis,
und er verwest rückstandsfrei!
Auch die griechische und andere Mythologien bieten einen zeitlos gültigen Schatz an Geschichten – und bilden damit einen unerschöpflichen Steinbruch für Roigelgazetten. Auf die Melodie von „Stenka Rasin“ dichtete Richard Lauxmann 1992 eine modernisierte Fassung der Geschichte von Hero und Leander:
Richard Lauxmann: Die grausame Tragödie von Hero und Leander
unter Zufügung sehr nützlicher und beherzigenswerter Mahnungen
(zu singen nach der Melodei Stenka Rasin)
1. Aphrodite hat ‘nen Tempel;
an der Tür klebt ein Plakat:
"Hero, Priesterin mit Stempel,
gibt bei Liebesnöten Rat."
2. Hero selbst liebt den Leander,
der Leander liebt sie sehr,
doch sie wohnen auseinander;
zwischen ihnen wogt das Meer.
3. Das Poussieren kommt nicht gut an,
wenn’s ‘ne Jungfrau-Priest’rin macht,
drum schwimmt zu ihr dieser Truthahn
ganz klamm-heimlich jede Nacht.
4. Hero hat ‘ne Partyfackel
angesteckt auf dem Balkon,
und so peilt der geile Lackl
an genau die Direktion.
5. Aber einmal hat’s gewittert,
Wellen schlug das Meer im Sturm.
Hero hat um ihn gezittert
und stieg runter von dem Turm,
6. um als Opfer - wie es Sitte -
rasch ein Rindersteak zu grill’n:
"Aphrodite, bitte, bitte!
Hilf dem Kerl, um Göttins Will’n!"
7. Weil der Hurrikan mit Jaulen
nun die Fackel ausgepust’,
hat der Knilch beim Endloskraulen
sich die Seele ausgehust’.
8. Hero fand nur den Kadaver
- Ach wie litt das arme Wurm! -
Doch nun half ihr kein Palaver,
und sie kippte sich vom Turm.
9. Süße Tussie, laß dir’s raten,
wenn dein Stecher trouble macht:
Für die Göttin Roastbeef braten,
ist dann eh’ bloß gut gedacht.
10. Gib dem Freund dein Feuerzeichen
- bläst ein Wind - halt es in Zucht!
Wie soll dich dein Typ erreichen,
wenn er schwimmend irrend sucht?
11. Klappt’s dann doch nicht mit Leandern:
Vor dem Turmsprung warn’ ich Dich!
Find’st beim Roigel einen andern!
Dort bin beispielsweise ich!
Um auf die eingangs zitierten Verse zurückzukommen: Schiller und Hauff – das war beim Roigel sicher nicht die Regel, die wären schon aufgefallen. Aber in Anlehnung an die überlieferten Worte des Ephorus Öhler an einen Stiftsfuxen über den Roigel: „Es sind auch einige ordentliche Leute darunter“, darf mit Fug und Recht behauptet werden: „Es sind schon einige ordentliche Poeten darunter.“