Roigelgeschichte

aus persönlicher Sicht eines Nicht-Historikers, Von Dietrich Gradmann

Die Wurzeln vom Roigel stecken im „Seminar“. Das sind hochsubventionierte Internatsschulen, mit denen sich die evangelische Landeskirche Württembergs seit der Reformation die intellektuellen Ressourcen des Landes nach strengem Auswahlverfahren (Landexamen) einzuverleiben sucht. Im beabsichtigten Fall besuchten die Absolventen des Seminars zum Theologiestudium das Tübinger Stift, um später in den Kirchendienst zu treten. Viele dieser besonders hellen Jungmänner wollten aber auch die Welt abseits der von der Landeskirche markierten Wanderwege erkunden.

So fingen am Anfang des 19. Jahrhunderts viele Stiftler Feuer an den neuen politischen Ideen und eiferten den eigentlich verbotenen Burschenschaften nach. Eine Gruppierung traf sich außerhalb des Stifts zum Trinken und Debattieren im Gasthof zum ‚König‘ – die Königsgesellschaft.  Diese  Gesellen hatten einen ausgeprägten Sinn für Humor. Aus der satirisch gebrauchten, französisch-feinen Bezeichnung „Société Royale“ wurde schnell der schwäbische Spitzname „Roigel“. Diese Kerle verfassten gern satirische Texte, die unter dem prunkvollen Namen „Gazette du Roy“ in einem handgeschriebenen Exemplar herumgereicht wurden und dann archiviert – bis heute  etwa 40 000 Seiten in fast 100 Bänden.  Die vor dem Ersten Weltkrieg verfassten sind unter http://idb.ub.uni-tuebingen.de/digitue/tue/UAT_Roigel_Gazetten digitalisiert verfügbar. Die Ansammlung von Selbst- und Querdenkern hatte zur Folge, dass die Gesellschaft sich anfangs immer wieder auflöste und auch wieder zusammenfand. Nach den Gründungsjahren als reine „Stiftsverbindung“ wurden vorsichtig auch „Stadtburschen“ zugelassen, das waren ebenfalls Theologiestudenten, die aber in der Stadt wohnten und somit dem strengen Stiftsreglement nicht unterworfen waren.  Bald wurden auch Nichttheologen aufgenommen und durften zeitweise sogar das, was sie als Ehre bezeichneten, mit dem Säbel zu verteidigen versuchen; aber bitteschön, nicht im Namen der Verbindung.

Roigel genossen im Tübinger Kulturbetrieb bald einen besonders guten Ruf. Das Gesangsquartett des Roigels wurde  zur  musikalischen Ausgestaltung vieler Veranstaltungen engagiert. Roigel waren wichtige Gesangsstützen in Silchers Liederkranz; und im Ausschuss der Museumsgesellschaft hatte der Roigel sogar das Amt des Protokollführers inne. Es wird jedoch von einem Skandal berichtet, nach dem diese Protokollführung mehr satirisch als akribisch gehandhabt wurde.

Offenkundig verfärbte sich, dem Zeitgeist folgend, auch beim Roigel der burschenschaftliche Freiheitsdrang allmählich zum reichspatriotischen Deutschtum.  Besonders die selbstbeweihräuchernden Festgazetten zu diversen Jubiläen schienen mehr und mehr vor Treue, Stolz und Ehre zu triefen. Aber die Gazettensammlung zeigt auch, dass die Satire nebenher fröhlich weiterblühte und –fruchtete. Es war ein kunsthistorischer Glücksfall, dass die Architekten des 1904 erbauten Roigelhauses diese Besonderheit erkannt und das geniale Bauwerk mit vielen liebevollen und frechen Einzelheiten ausgestattet haben.

Obwohl der Roigel sich gern als politisch neutral ausgibt (arminisches Prinzip), spiegelte er den jeweils aktuellen Zeitgeist ziemlich treu wider. Angedeutet war schon der Freiheitsdrang am Anfang des 19. Jahrhunderts, gefolgt vom Reichspatriotismus.  Aber auch die Wirren der Weimarer Republik finden wir in den damaligen Konventsbeschlüssen wieder, die sich von einer Sitzung zur andern munter widersprechen konnten. Während der Herrschaft des Nationalsozialismus gab es extrem linientreue Roigel aber auch Regimegegner und etliche Opfer.  Die meisten Roigel haben aber wohl die Verhältnisse einfach hingenommen. Schließlich wurden alle Verbindungen vom Führer verboten, das Haus verkauft. Der Roigel vegetierte zusammen mit der Burschenschaft Germania als Kameradschaft Ludwig Uhland etwas weiter. 

1949  formte sich der Roigel unter dem Zuspruch Alter Roigel neu. Man traf sich zuerst im Gartenhaus, bevor das Haus zurückgekauft wurde und allmählich wieder ganz dem Roigel zur Verfügung stand. Wiederum dem Zeitgeist folgend hatte die erste Nachkriegsgeneration des Roigels keine Lust mehr auf Uniformen und Waffen. Folglich wollten sie keine Mützen und erst recht keine Säbel! Aber die Gazetten sprudelten...  

Das lief knapp zwanzig Jahre einigermaßen stabil, bis die 68er-Bewegung auch den Roigel erfasste. Da wurden weitere alte Zöpfe abgeschnitten, z.B. wurde der Status des unterprivilegierten Fuxen durch den des politisch korrekten Vorläufig Aufgenommenen ersetzt mit mehr Rechten aber gleichbleibenden Pflichten. Das verhinderte aber nicht den dramatischen Schwund an neuen Mitgliedern, weil das öffentliche Ansehen von Verbindungen im Zuge der 68-Entrümpelung enorm absackte. Und zwar so weit, dass nur noch eine handvoll Roigel den Betrieb notdürftig aufrecht erhielten.

Dann gab’s eine neue Geistesströmung: die Nostalgie, unter deren Fahne versucht wurde, altes Brauchtum wiederzubeleben: Roigel durften wieder Mützen tragen, mussten aber nicht. Vorgestrige Kneipzeremonien und Trinkrituale, die bei erzkonservativen Verbindungen überlebt haben, zogen beim Roigel unter dem Mantel der Folklore wieder ein – zum Leidwesen selbsternannter Bewahrer der zivilen Roigeltradition. Scheinbar war es ein anderer Roigel, der mit den 68ern unterging und den die Nostalgiewelle wieder etwas aufgepäppelt hat. Bemerkenswert ist aber, dass der Roigel trotz sämtlicher Krisen und Versuchungen seiner großen Liebe, der Gazette die Treue gehalten hat.

Der Nostalgiewelle folgte eine Entwicklung zum Hedonismus. Viele Alte beklagten den engen Fokus der Jungen auf Parties, Parties und noch mal Parties bei gleichzeitig mangelnder Sorgfalt im Umgang mit dem anvertrauten Haus. Dabei liegt es ja am Erziehungsversagen der vorigen Generation, wenn die heutige nicht gelernt hat, beispielsweise eine Spülmaschine auszuräumen. So glostet seit etlichen Jahren ein Konflikt, wer eigentlich Herr im Roigelhaus ist, die zahlende Altenschaft oder die jungen, oft respektlosen Nutzer.

Jetzt, im Jahr 2017 dieser Betrachtung herrscht aber erstaunliche Harmonie zwischen Altenschaft und Aktivitas. Die Alten sind nachsichtig und die tonangebenden Jungen heute ziemlich vernünftig aber gleichzeitig quietschfidel trotz erheblich verschärfter Studienbedingungen. Die konsequenten Entscheidungen zur Unabhängigkeit des Roigel von Kartellen und Dachverbänden haben enorm dazu beigetragen, dass der Roigel unter allen Verbindungen nach wie vor eine vitale Sonderstellung mit außerordentlicher Eigenständigkeit einnimmt. Auch hat sich die Gazettenkultur nach einem auffälligen Tief wieder erstaunlich gut erholt.  Wäre ich (*1940) heute Studienanfänger in Tübingen, ich wollte wieder Roigel werden.

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